Müssen Babys schlafen lernen? Hintergründe

Die Wissenschaftsjournalistin und Expertin für artgerechtes Aufwachsen von Kindern, Nicola D. Schmidt, hat die Ratgeber zur Seite gelegt und die Wissenschaft befragt. Die Mutter von zwei Kindern schreibt an einem Buch zu diesem Thema und ist Gründerin des Artgerecht-Projekts. In diesem Interview beleuchtet sie die wissenschaftlichen Hintergründe des Babyschlafs. 

Andra Dattler: Man hört es von allen Seiten: Jedes Kind kann schlafen lernen! Ein Programm, mit dem man jedes Kind unkompliziert zum Schlafen bringen kann, indem man es in seinem Bettchen alleine schreien lässt und alle paar Minuten ins Zimmer kommt, um es kurz zu beruhigen.Nach ein paar Tagen hört das Kind auf zu weinen und schläft ganz von alleine schnell ein. Ich persönlich bringe es nicht über das Herz, mein Kind schreien zu lassen. Vielen anderen Frauen geht es ähnlich. Warum ist das so?

Nicola Schmidt: Das Schreien unserer Babys ist von der Natur als Alarmsignal angelegt, dass uns in einen Zustand von Stress versetzt. "Schreien" ist ja erst ein sehr spätes Signal, dass das Baby etwas braucht. Vorher sendet jeder Säugling schon viele, niedrigschwelligere Signale. Werden diese nicht gesehen, schreit er – und wir sind darauf programmiert, dies als Notfall zu registrieren und sofort zu reagieren.

Dafür hat sich im Laufe der Evolution die sogenannte Stresskaskade entwickelt, die dafür sorgt, dass Mütter durch das Schreien ihres Kindes besonders unter Stress gesetzt werden – übrigens mehr als Väter.

AD: Ist es nicht so, dass man ein Baby von Anfang an daran gewöhnen kann, alleine zu schlafen und dass es dann auch nicht schreit? Dass das Schlaflern-Programm also gar nicht nötig ist?

NS: Es gibt durchaus Babys, die anfangs von alleine einschlafen, auch wenn die Mutter nicht in der Nähe ist. Ich nenne alle anderen Babys, die dies nicht tun, "evolutionäres Erfolgsmodell" – denn das waren in den letzten Jahrtausenden die Babys, die überlebt haben.

Kinder zum alleine Einschlafen zu zwingen ist falsch. Und wie Sie in Ihrem Artikel bereits erwähnen, sind die nächtlichen Stillmahlzeiten und das häufigere Aufwachen nachweislich gut für die kindliche Entwicklung und Gesundheit. Alleine Einschlafen ist ein kulturelles Konstrukt unserer Zeit, das übrigens die Selbstständigkeit der Kinder nicht fördert, sondern schädigt.

AD: In welchem Alter sollte ein Kind von Natur aus alleine (ein)schlafen?

NS: Das ist ganz unterschiedlich. Manche Kinder legen sich vielleicht schon mit zwei Jahren alleine ins Bett, um einen Mittagsschlaf zu machen, andere wollen, dass Mama oder Papa beim Einschlafen dabei sind, bis sie viel älter sind. Wichtig für alle Eltern ist, dass sie herausfinden, womit sie und das Kind gut leben können. Ein Patentrezept gibt es hier nicht. Aber eins ist sicher: Das Kind wird nicht im Elternbett schlafen, bis es 18 ist!

AD: Gibt es Untersuchungen, die belegen, dass Kinder, die ein Schlaflernprogramm durchgemacht haben, bleibende Schäden davontragen?

NS: Ja und Nein. Es gibt Studien, die uns zeigen, dass der erhöhte Cortisolspiegel, also der Bindungsstress beim Schreien, zu Schäden führt. Die Entwicklungspsychologen gehen zudem davon aus, dass die Kinder das Gefühl der Selbstwirksamkeit verlieren, dass sie also lernen, dass sie an ihrer misslichen Lage ohnehin nichts ändern können.

Dies wirkt sich auch viel später noch auf ihr Verhalten aus. Aber mir sind keine kontrollierten Experimente bekannt, bei denen man Babys absichtlich schreien lässt. Ich kann mir vorstellen, dass das der wissenschaftlichen Ethik widerspricht.

AD: Viele Leute in unserer Generation wurden als Baby auch nicht in den Schlaf gewiegt. Damals hat man Babys in der Regel so lange schreien lassen, bis sie von alleine einschliefen. Haben wir deshalb einen Schaden davongetragen?

NS: Das kommt darauf an - haben Sie Schlafprobleme? Bindungsstörungen? Depressionen? Probleme mit dem Selbstwertgefühl? Falls nicht – herzlichen Glückwunsch! Etwa ein Drittel aller Menschen entwickeln sich auch unter widrigsten Bedingungen zu psychisch unbeeinträchtigten Erwachsenen. Es ist das Phänomen der Resilienz.

Zwei Drittel der Menschen wird aber doch psychische Schäden davontragen. Welche Eltern möchten ausprobieren, zu welchem Teil ihr Kind gehört? Und das Risiko eingehen, jahrelang mit einem Kleinkind und Teenager mit Schlafproblemen, geringem Selbstwertgefühl, niedriger Frustrationstoleranz und sozialen Problemen zu arbeiten?

Zudem ist die Eltern-Kind Bindung in hohem Maße dafür verantwortlich eine höhere Resilienz auszubilden. Ein sicher gebundenes Kind ist stressresistenter. Eine sichere Bindung setzt aber die prompte Bedürfnisbefriedigung durch die Bezugspersonen voraus – z. B. das Baby auf den Arm nehmen, wenn es weint.

AD: Vielen Dank für das Gespräch.

Source: http://www.experto.de/b2c/gesundheit/kinde...